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„Du bist egoistisch“ – wenn du anfängst, deine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehme

5. Okt.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Du möchtest nicht zum Familiengeburtstag. Eigentlich ist es ganz einfach.

Du bist müde. Du hast keine Lust auf die vielen Menschen, auf die Gespräche, auf die Fragen. Vielleicht brauchst du einfach einen ruhigen Sonntag mit dir, deinem Partner/in oder deinen Kindern.


Also sagst du ab.


Und dann kommt:

„Ach, schade. Du bist in letzter Zeit aber auch ganz schön egoistisch geworden.“

Und plötzlich sitzt du da. Und fragst dich: Bin ich das wirklich?


Vielleicht erklärst du dich. Du erzählst, warum du gerade so viel um die Ohren hast. Dass du die Familie ja eigentlich gerne magst. Dass du beim nächsten Mal bestimmt wieder dabei bist. Dass du ja nicht grundsätzlich etwas gegen Familienfeiern hast.


Und während du das alles erklärst, merkst du vielleicht gar nicht, was gerade passiert.


Du hast Nein gesagt. Und fünf Minuten später bist du dabei, dein Nein zu rechtfertigen.

Ich glaube, genau hier beginnt für viele Menschen ein ziemlich alter Mechanismus.

Vor allem, wenn du gelernt hast, die Stimmung anderer Menschen sehr genau wahrzunehmen, du früh gelernt hast, dass Harmonie wichtig ist oder du es gewohnt bist, dich anzupassen.


Wenn du vielleicht sogar das Gefühl kennst, dass Liebe ein bisschen davon abhängt, wie angenehm du für andere bist.


Dann wird für sich selbst NEIN zu sagen, zu einer Mutprobe, die dich aus deiner Komfortzone katapultieren kann. Denn wenn jemand enttäuscht ist, fühlt es sich nicht einfach nach Enttäuschung an, sondern möglicherweise wie: Ich habe etwas falsch gemacht.


Und dann beginnt die Suche nach einer Erklärung.

Vielleicht hätte ich doch hingehen sollen.

Vielleicht bin ich wirklich egoistisch.

... usw..

Kennst du vielleicht.


Und schon bist du wieder viel mehr damit beschäftigt, die Gefühle der anderen Personen zu regulieren als deine eigenen wahrzunehmen.

Dabei gibt es einen ziemlich wichtigen Unterschied: Jemand kann von deiner Entscheidung enttäuscht sein, ohne dass deine Entscheidung falsch ist.

Klingt banal - Ist es aber nicht, wenn du jahrelang gewohnt warst, die Bedürfnisse anderer Menschen mitzudenken, bevor du überhaupt gefragt hast, was du selbst möchtest.


Denn natürlich darf deine Familie oder deine Partner/in enttäuscht sein und deine Mutter darf finden, dass es schade ist, dass du nicht kommst.

Sie dürfen sogar denken, dass sie deine Entscheidung nicht verstehen.

Aber ihre Gefühle sind nicht automatisch ein Beweis dafür, dass du etwas falsch gemacht hast.


Und genau das ist ein Unterschied, den ich wahnsinnig wichtig finde.

Rücksicht bedeutet nicht, die Verantwortung für die Gefühle aller anderen zu übernehmen.


Du kannst sagen: „Ich verstehe, dass du traurig bist.“ und gleichzeitig:

„Ich komme trotzdem nicht.“ Beides darf gleichzeitig existieren.


Bei meinem Kind bekomme ich das am besten hin und vllt ist es ein guter Vergleich: Wenn dein Kind sauer ist, dass es keine Schokolade mehr bekommt, darf es ja auch wütend darüber sein und du bleibst im besten Fall, trotzdem bei deinem NEIN.


Egoismus gibt es natürlich. Wir können andere Menschen ausnutzen, ihre Bedürfnisse dauerhaft ignorieren oder nur noch das tun, was uns selbst gerade passt. Grenzen setzen bedeutet nicht, dass plötzlich alles, was ich möchte, automatisch richtig ist.


Reflexion bedeutet für mich deshalb auch, mich selbst zu fragen:

Was ist hier eigentlich los? Warum möchte ich nicht hin?

Will ich gerade wirklich eine Grenze setzen oder renne ich vor etwas weg?

Habe ich vielleicht jemanden verletzt und möchte es nicht sehen?

Oder bin ich einfach nur daran gewöhnt, meine Bedürfnisse so lange zu hinterfragen, bis sie verschwinden?


Und wenn du feststellst, dass du heute einfach etwas anderes als die Familienfeier brauchst, dann darf das ein ausreichender Grund sein.

Deine Entscheidungen müssen nicht für alle Menschen richtig sein.


Und ich glaube, genau das passiert uns im Alltag ziemlich häufig.

Wir äußern einen Wunsch – und fühlen uns plötzlich verpflichtet, gleichzeitig die komplette Gegenargumentation mitzuliefern.


Wir sagen zum Beispiel:

„Ich möchte weniger arbeiten.“

Und müssen erklären, warum das wirtschaftlich sinnvoll ist.


„Ich möchte nicht jedes Wochenende meine Familie sehen.“

Und müssen beweisen, dass wir unsere Familie trotzdem lieben.


„Ich möchte diese Beziehung nicht mehr.“

Und müssen erklären, warum die andere Person kein schlechter Mensch ist.


„Ich möchte alleine verreisen.“

Und müssen erklären, warum der Partner damit klarkommen sollte.


„Ich möchte heute einfach meine Ruhe.“

Und müssen erklären, warum das nichts mit ihm/ihr zu tun hat.


Und irgendwann haben wir dann verlernt, einen Wunsch einfach als Wunsch stehen zu lassen.


Lächelnde Frau vor violetter Wand neben Zitat: Selbstsicherheit heißt, unangenehme Gefühle auszuhalten. Johannalange.de

Ein gesundes Ziel wäre meiner Meinung nach, wenn du dir irgendwann eine neue Geschichte erzählen kannst:

Ich kann dich verstehen, ohne mich dir anzupassen.

Ich kann deine Enttäuschung aushalten, ohne sie sofort wegmachen zu müssen.

Ich kann deine Meinung hören, ohne sie zu meiner zu machen.

Ich kann mich fragen, ob ich etwas

übersehe, ohne automatisch davon auszugehen, dass du recht hast.


Und ich kann meine Entscheidung überprüfen, ohne sie so lange zu zerdenken, bis am Ende wieder nur das übrig bleibt, was für alle anderen angenehm ist.

Ein Teil von Selbstsicherheit ist auch, dass du es aushältst, wenn jemand dich für egoistisch hält und dass du lernst unangenehme Gefühle da sein zu lassen.


Du musst diesen Weg nicht allein gehen

Verlustangst zeigt sich bei jedem Menschen anders. Deshalb ist auch Veränderung immer ein individueller Weg.

In meinem Coaching beziehe ich die gedankliche, emotionale und körperliche Ebene mit ein, denn nachhaltige Veränderung entsteht oft dann, wenn wir den ganzen Menschen betrachten.

Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne auf deinem Weg zu mehr innerer Sicherheit.


Johanna



 
 
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